Diskussion

Unter den „anthropogen bedingten“ Todesursachen fallen drei erschossene Seeadler auf. In diesen Fällen sind die Adler nicht sofort, sondern mit wenigen Tagen Verzögerung an den Folgen des Beschusses verendet. In einem Fall wurde durch ein Kugelgeschoss lediglich die Schulter eines Adlers zertrümmert. Diese Befunde illegaler Verfolgung stellen vermutlich nur die Spitze eines Eisberges dar, da es wahrscheinlich ist, dass die meisten erschossenen Seeadler vom Schützen direkt geborgen und keiner pathologischen Untersuchung zugeführt werden.
Ebenfalls drei Seeadler sind Opfer des Straßenverkehrs geworden und drei sind an einer Quecksilbervergiftung gestorben. Gelangte Quecksilber früher über gebeiztes Saatgut in die Nahrungskette der Seeadler, sind die Quellen für derartige hohe Expositionen heute unklar. Möglicherweise handelt es sich um Industrieemissionen oder industrielle Altlasten, die sich nur lokal im limnischen System angereichert haben. In den nachgewiesenen Fällen einer illegalen Vergiftung der Seeadler mit Carbamaten wurden präparierte Köder gefressen. Diese Giftköder stellen nicht nur für aasfressende Tiere sondern auch für Kinder eine ernstzunehmende Gefahr dar. In jedem Fall sollten solche Fälle sofort den zuständigen Behörden gemeldet werden. In 19 weiteren Fällen bestand ein Vergiftungsverdacht, ohne dass ein Gift nachgewiesen werden konnte.
Die zunehmende Verdrahtung der Landschaft durch Stromleitungen ist auch für den Seeadler relevant, da dies zu Kollisionen mit den Stromleitungen führen kann. Seit den ersten Nachweisen von Kollisionen von Seeadlern mit Windkraftanlagen hat diese Todesursache in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Die auffällige Häufung von Windkraftanlagenopfern adulter Adler im Frühjahr lässt sich möglicherweise mit einer erhöhten Flugaktivität (z. B. Balz, Revierabgrenzung) erklären. Beim Stromschlag starben die Vögel entweder an einem Kurzschluss, wenn sie zwei spannungsführende Kabel überbrückten oder an einem Erdschluss, wenn sie ein spannungsführendes Kabel berührten und der Strom durch sie hindurch in die Traverse, den Strommasten und den Boden ging. Dies geschieht häufig, wenn die Stromkabel an stehenden Isolatoren befestigt sind, wie dies noch auf viele Mittelspannungsleitungen zutrifft. Umspannmasten stellen eine zusätzliche Gefahr für Großvögel dar, da sie zahlreiche leicht zu überbrückende spannungsführende Kabel aufweisen. Diese Todesursache spielt für Seeadler immer noch eine bedeutende Rolle in Deutschland, obwohl das Bundesnaturschutzgesetz (§53) die deutschen Stromkonzerne verpflichtet, so genannte „Killermasten“ zu entschärfen und zukünftig nur noch vogelsichere Masten zu installieren.
Die Sammelkategorie „Trauma“ beinhaltet die Todesfälle, die sich auf eine letale Gewalteinwirkung zurückführen lassen, ohne dass die Ursache dafür bekannt geworden wäre. Möglicherweise verbergen sich hinter dieser Todesursache viele Kollisionsopfer (insbesondere Leitungsanflug), die mit der Verletzung noch eine Zeit weitergelebt haben und erst in einiger Entfernung vom Unfallort gestorben sind.
Die zweithäufigste Todesursache für Seeadler ist die Kollision mit der Bahn. Häufig finden sich verunfallte Wildtiere an der Bahntrasse, die für Seeadler als Aasfresser eine leicht zugängliche Nahrungsquelle darstellen. Da die Kadaver dieser Wildtiere nicht mehr (wie früher durch die Streckenwärter) weggeräumt werden, liegen sie oft wochenlang neben den Gleisen. Frisst nun ein Seeadler daran, kann er unter Umständen nicht mehr rechtzeitig auffliegen und kollidiert entweder direkt mit dem Zug, oder wird durch den Sog des vorbeifahrenden Zuges in diesen hineingezogen und erleidet tödliche Verletzungen.
Die bei weitem wichtigste Todesursache der Seeadler in Deutschland ist die Bleivergiftung. Die Quellen dieser Bleivergiftungen stellen Splitter bleihaltiger Jagdmunition und Bleischrote dar, die der Seeadler mit der Nahrung aufnimmt. Offensichtlich sind die Reste bleihaltiger Büchsengeschosse von einer größeren Relevanz als bleihaltige Schrotmunition, wie die Röntgenaufnahmen der Tierkörper als auch die isolierten Bleifragmente aus den Seeadlermägen belegen und wie es auch bei anderen Arten beschrieben wurde. Regionale Unterschiede in der Jagdpraxis, wie z. B. das Zurücklassen von Aufbrüchen mit Bleipartikeln in der Natur, intensive Niederwild- und Wasservogeljagd mit Schrotmunition und regionale Unterschiede in Vorkommen und Häufigkeit von jagdbaren Wildarten und der damit verbundenen Wildstrecken können das Risiko der Bleivergiftung bei aasfressenden Vögeln erheblich beeinflussen. Insbesondere chronisch bleivergiftete Seeadler sterben einen langsamen Tod, wie anhand eines adulten Seeadlers, der mit einem Satellitensender ausgestattet war, gezeigt werden konnte.

Ein gesetzliches Verbot von bleihaltiger Jagdmunition existiert aktuell nur für die Sikahirschjagd auf Hokkaido/Japan (MATSUDA 2003) und seit dem 01.01.2008 in Südkalifornien im Lebensraum des durch Bleivergiftung stark bedrohten Kalifornischen Kondors (Gymnogyps californianus). Neben dem Verbot von Bleischrot bei der Wasservogeljagd in vielen europäischen Ländern gibt es eine internationale Empfehlung zum Verbot von Bleischrot in Feuchtgebieten, da auch Wasservögel durch die Aufnahme von Bleischroten, die sie in flachen Gewässern beim Gründeln aufnehmen, von Bleivergiftungen betroffen sind. Das Afrikanisch-Eurasische-Wasservogel-Übereinkommen (http://www.unep- aewa.org) als Teil der Bonner Konvention zum Schutz wandernder Tierarten, welches ein Verbot von Bleischrot an oder über Gewässern empfiehlt, wurde bisher von 36 eurasischen und 25 afrikanischen Ländern unterzeichnet (Stand März 2008). In Mitteleuropa hat neben Polen nur Österreich das Übereinkommen bislang nicht unterzeichnet.